König Willem-Alexander führt die schöne Gewohnheit seiner Mutter Beatrix fort, wichtige Bühnenereignisse bei der Premiere mit seiner Präsenz zu adeln. Nicht nur deshalb sind alle glücklich. Auch die dritte Vorstellung von „Anne“ ist nahezu ausverkauft. Am Samstagnachmittag im jüngst eröffneten Theater Amsterdam am Hafen im Westen der Stadt, das ausschließlich für die neue Dramatisierung des „Tagebuchs der Anne Frank“ durch das holländische Schriftsteller-Ehepaar Leon de Winter und Jessica Durlacher von Privatinvestoren bezahlt wurde und unterhalten wird, haben sich, wie erhofft, hauptsächlich junge Leute eingefunden. Am Schluss stehen sie geschlossen auf, um leicht beklommen einem großartigen Schauspielerensemble zu applaudieren, das bereits drei Stunden später abermals mit demselben Stück antreten wird.
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Buddy Elias, der einzig noch lebende Verwandte von Anne Frank, bedankt sich nach der Premier bei Rosa da Silva und dem übrigen Cast.
„Anne“ wird en suite gespielt an acht Aufführungen in sechs Tagen, wie das Usus ist bei einer Unternehmung wie dieser, die sich wenigstens amortisieren muss. Die Hauptlast trägt die 27-jährige Rosa da Silva, eine Debütantin frisch von der Schauspielschule, die mit natürlicher Selbstverständlichkeit die Kratzbürstigkeit des bisweilen enervierend lebhaften Mädchens Anne Frank um die ihr ebenso eigene reflexive Tiefe bereichert. Da Silva hat den Kopf und das Herz, das Erwachsenwerden zwischen Küchen- und Abortgerüchen und den bisweilen absurd komischen Streitereien unter nervlich überreizten sehr verschiedenen Erwachsenen in einer Zwangsgemeinschaft nachfühlbar herüberzubringen. Hinzu kommt das Leiden der Vatertochter, die Mutter nicht ausstehen zu können. Und wohin mit der aufkeimenden Sexualität und all den Sehnsüchten nach Privatheit, Liebe, Leben?
Die Sorge darum, dass „Anne“ nicht primär künstlerischen Kriterien und mehr noch einer kultisch verehrten Figur genügen müsse, ist müßig. Das Paket aus Dinner im Theaterrestaurant und Aufführung ließ Skeptiker zu Unrecht darauf schließen, hier sei nur wieder so ein Musical-Theater auf einer Industriebrache in Billigbauweise hochgezogen worden, wo diesmal die internationale Leidensikone Anne Frank massenkompatibel trivialisiert würde. Und die lokalen jüdischen Gemeinden missbilligen es, dass am Schabbat gespielt wird, wobei denen, sagt Leon de Winter, das Gewese um Anne Frank generell suspekt sei: Es gebe doch so viele andere Schicksale, die Verfolgung und Tod viel nachdrücklicher spiegelten.
Diesen Vorwurf, wie auch alle sonstigen Bedenken, entkräften die Qualität des Theaterstücks wie auch die diskrete, bewusst an der Realität orientierte Inszenierung von Theu Boermans. „Anne“ versucht sich nicht als Theaterexperiment, sondern arbeitet bewusst mit konventionellen Mitteln. Die Schauspieler des Holländischen Nationaltheaters sollen, nach Typ besetzt, den wirklichen Personen möglichst ähnlich sein. Wiedererkennbarkeit ist alles, aber solche (bedauerlicherweise musikalisch weichgespülte) Konventionalität in dem zudem eins zu eins auf einer Drehbühne nachgebauten traumatisch beengten Unterschlupf in der Prinsengracht263 wird zu etwas Besonderem durch das tolle technische Surplus des schmucklosen Zweckbaus. In voller Breite des leicht ansteigenden Parketts für rund 1000 Zuschauer biegt sich vor dem eigentlichen Bühnenbild ein konkaver Videoschirm, der sich schnell öffnen und schließen lässt. Darauf laufen bei Bedarf dokumentarische Aufnahmen in Übergröße, die, didaktisch unaufdringlich, aber bestimmt, den historischen Rahmen fürs Bühnengeschehen schaffen, etwa den Einmarsch der Deutschen in Amsterdam, gesäumt von ortsansässigen Claqueuren. Er erzählt auch von der Kollaboration der Bevölkerung, durch die es erst möglich wurde, die Juden durch eine Unzahl von Verordnungen auszugrenzen und per Kopfgeld dem sicheren Tod zu überantworten.
Der Schriftsteller Leon de Winter, wie Jessica Durlacher eine wichtige schriftstellerische Stimme im Chor der „second generation“-Literatur, Nachkomme von Holocaust-Opfern, hat sich in seinen Romanen ausführlich mit diesem Thema befasst. Beide aber hatten noch nie ein Theaterstück geschrieben und sagten dennoch sofort zu, als sie die Anne-Frank-Stiftung mit einer Version beauftragte, die sowohl auf eine große Bühne wie auch in einen Schulturnsaal passt. Außerdem hatten die beiden offenbar ziemlich temperamentvollen Charaktere noch nie an einem gemeinsamen Buch geschrieben. Durlacher zeigt auf das Gartenhaus, wohin sie zog, während de Winter im Haupthaus blieb. Sie kommunizierten über E-Mail und Telefon: „Niemals an einem Tisch. Das wäre dann sehr laut geworden“, sagt sie.
Immerhin waren sie sich darin einig, in ihrer Version nach dem unzensierten Tagebuch zeitgemäß den Freigeist Annes herausarbeiten zu wollen. Sie zu zeigen als früh gereifte Schriftstellerin, die sie sein wollte, und nicht als „heiliggesprochene Jungfrau“, wie sie gemäß dem Jungmädchenbild der Fünfzigerjahre im von Otto Frank zensierten Tagebuch erscheint. Und auch in der gezielt sentimentalen Bühnen- und Filmadaption jener Zeit.
Sie gaben dem Stück eine Rahmenhandlung, worin Anne ihrem Schriftstellerschwarm Peter Schiff ihr Leben in einem Pariser Bistro erzählt – gleichsam die Erfüllung des Traums ihres tatsächlich ungelebten Lebens. Die projizierten Seiten des Originaltagebuchs belegen an der Handschrift, welch ungeheure Entwicklung Anne Frank quasi im Zeitraffer durchmachte. Und das letzte Bild gibt eine Ahnung dessen, was wie eine giftige Wolke den Alltag von zehn Untergetauchten überschattete während zweier Jahre im Hinterhaus eines Büros, den die anfangs erst 13-jährige Anne vom ersten Tag an notiert und kommentiert hat. Die trostlose Szenerie zeigt ein graues Nirgendwo unter Bäumen, wo erschöpfte Menschen kauern, unter ihnen zwei Mädchen aneinandergelehnt, wobei die jüngere, mit letzter Kraft flüsternd, die ältere Schwester tröstet und ihr eine schöne Zukunft in Paris herbeiträumt. Zum Ende der Aufführung also schließt sich auch optisch der Kreis. Denn zu Beginn fährt Anne den Eiffelturm hinauf, während in den Projektionen Wachtürme ein aschgraues Gelände überragen. Am Ende geht sie auf Gleisen davon.
Anne und Margot Frank sind in Bergen-Belsen gestorben, wahrscheinlich an Typhus, zu einem Zeitpunkt, da der Krieg für die Deutschen bereits verloren war und sich das tausendjährige Reich auf seine Kapitulation vorbereitete. Im „Tagebuch der Anne Frank“ steht nichts vom Grauen der Lager. Aber das heutige Wissen darum ergänzt, was durch Annes Deportation ungeschrieben blieb.

Buddy Elias, der einzig noch lebende Verwandte von Anne Frank, bedankt sich nach der Premier bei Rosa da Silva und dem übrigen Cast.
„Anne“ wird en suite gespielt an acht Aufführungen in sechs Tagen, wie das Usus ist bei einer Unternehmung wie dieser, die sich wenigstens amortisieren muss. Die Hauptlast trägt die 27-jährige Rosa da Silva, eine Debütantin frisch von der Schauspielschule, die mit natürlicher Selbstverständlichkeit die Kratzbürstigkeit des bisweilen enervierend lebhaften Mädchens Anne Frank um die ihr ebenso eigene reflexive Tiefe bereichert. Da Silva hat den Kopf und das Herz, das Erwachsenwerden zwischen Küchen- und Abortgerüchen und den bisweilen absurd komischen Streitereien unter nervlich überreizten sehr verschiedenen Erwachsenen in einer Zwangsgemeinschaft nachfühlbar herüberzubringen. Hinzu kommt das Leiden der Vatertochter, die Mutter nicht ausstehen zu können. Und wohin mit der aufkeimenden Sexualität und all den Sehnsüchten nach Privatheit, Liebe, Leben?
Die Sorge darum, dass „Anne“ nicht primär künstlerischen Kriterien und mehr noch einer kultisch verehrten Figur genügen müsse, ist müßig. Das Paket aus Dinner im Theaterrestaurant und Aufführung ließ Skeptiker zu Unrecht darauf schließen, hier sei nur wieder so ein Musical-Theater auf einer Industriebrache in Billigbauweise hochgezogen worden, wo diesmal die internationale Leidensikone Anne Frank massenkompatibel trivialisiert würde. Und die lokalen jüdischen Gemeinden missbilligen es, dass am Schabbat gespielt wird, wobei denen, sagt Leon de Winter, das Gewese um Anne Frank generell suspekt sei: Es gebe doch so viele andere Schicksale, die Verfolgung und Tod viel nachdrücklicher spiegelten.
Diesen Vorwurf, wie auch alle sonstigen Bedenken, entkräften die Qualität des Theaterstücks wie auch die diskrete, bewusst an der Realität orientierte Inszenierung von Theu Boermans. „Anne“ versucht sich nicht als Theaterexperiment, sondern arbeitet bewusst mit konventionellen Mitteln. Die Schauspieler des Holländischen Nationaltheaters sollen, nach Typ besetzt, den wirklichen Personen möglichst ähnlich sein. Wiedererkennbarkeit ist alles, aber solche (bedauerlicherweise musikalisch weichgespülte) Konventionalität in dem zudem eins zu eins auf einer Drehbühne nachgebauten traumatisch beengten Unterschlupf in der Prinsengracht263 wird zu etwas Besonderem durch das tolle technische Surplus des schmucklosen Zweckbaus. In voller Breite des leicht ansteigenden Parketts für rund 1000 Zuschauer biegt sich vor dem eigentlichen Bühnenbild ein konkaver Videoschirm, der sich schnell öffnen und schließen lässt. Darauf laufen bei Bedarf dokumentarische Aufnahmen in Übergröße, die, didaktisch unaufdringlich, aber bestimmt, den historischen Rahmen fürs Bühnengeschehen schaffen, etwa den Einmarsch der Deutschen in Amsterdam, gesäumt von ortsansässigen Claqueuren. Er erzählt auch von der Kollaboration der Bevölkerung, durch die es erst möglich wurde, die Juden durch eine Unzahl von Verordnungen auszugrenzen und per Kopfgeld dem sicheren Tod zu überantworten.
Der Schriftsteller Leon de Winter, wie Jessica Durlacher eine wichtige schriftstellerische Stimme im Chor der „second generation“-Literatur, Nachkomme von Holocaust-Opfern, hat sich in seinen Romanen ausführlich mit diesem Thema befasst. Beide aber hatten noch nie ein Theaterstück geschrieben und sagten dennoch sofort zu, als sie die Anne-Frank-Stiftung mit einer Version beauftragte, die sowohl auf eine große Bühne wie auch in einen Schulturnsaal passt. Außerdem hatten die beiden offenbar ziemlich temperamentvollen Charaktere noch nie an einem gemeinsamen Buch geschrieben. Durlacher zeigt auf das Gartenhaus, wohin sie zog, während de Winter im Haupthaus blieb. Sie kommunizierten über E-Mail und Telefon: „Niemals an einem Tisch. Das wäre dann sehr laut geworden“, sagt sie.
Immerhin waren sie sich darin einig, in ihrer Version nach dem unzensierten Tagebuch zeitgemäß den Freigeist Annes herausarbeiten zu wollen. Sie zu zeigen als früh gereifte Schriftstellerin, die sie sein wollte, und nicht als „heiliggesprochene Jungfrau“, wie sie gemäß dem Jungmädchenbild der Fünfzigerjahre im von Otto Frank zensierten Tagebuch erscheint. Und auch in der gezielt sentimentalen Bühnen- und Filmadaption jener Zeit.
Sie gaben dem Stück eine Rahmenhandlung, worin Anne ihrem Schriftstellerschwarm Peter Schiff ihr Leben in einem Pariser Bistro erzählt – gleichsam die Erfüllung des Traums ihres tatsächlich ungelebten Lebens. Die projizierten Seiten des Originaltagebuchs belegen an der Handschrift, welch ungeheure Entwicklung Anne Frank quasi im Zeitraffer durchmachte. Und das letzte Bild gibt eine Ahnung dessen, was wie eine giftige Wolke den Alltag von zehn Untergetauchten überschattete während zweier Jahre im Hinterhaus eines Büros, den die anfangs erst 13-jährige Anne vom ersten Tag an notiert und kommentiert hat. Die trostlose Szenerie zeigt ein graues Nirgendwo unter Bäumen, wo erschöpfte Menschen kauern, unter ihnen zwei Mädchen aneinandergelehnt, wobei die jüngere, mit letzter Kraft flüsternd, die ältere Schwester tröstet und ihr eine schöne Zukunft in Paris herbeiträumt. Zum Ende der Aufführung also schließt sich auch optisch der Kreis. Denn zu Beginn fährt Anne den Eiffelturm hinauf, während in den Projektionen Wachtürme ein aschgraues Gelände überragen. Am Ende geht sie auf Gleisen davon.
Anne und Margot Frank sind in Bergen-Belsen gestorben, wahrscheinlich an Typhus, zu einem Zeitpunkt, da der Krieg für die Deutschen bereits verloren war und sich das tausendjährige Reich auf seine Kapitulation vorbereitete. Im „Tagebuch der Anne Frank“ steht nichts vom Grauen der Lager. Aber das heutige Wissen darum ergänzt, was durch Annes Deportation ungeschrieben blieb.