Einst erhellten sie Las Vegas, dann wurden sie ausrangiert. Im Neon-Museum haben Leuchtreklamen eine neue Bestimmung gefunden: Sie appellieren an die nostalgischen Gefühle der Besucher - in diesen Krisenzeiten so erfolgreich wie nie.
Leere Casinos, leere Hotels, leere Portemonnaies: Kaum eine amerikanische Stadt hat unter der Konjunkturflaute so gelitten wie das Spielerparadies Las Vegas. Und doch sahen Kulturschaffende in der Krise ihre Chance. Sie sammelten vier Millionen US-Dollar, um eine Ausstellung für Leuchtreklame aufzubauen: das Neon-Museum, geleitet von Danielle Kelly, das seit Oktober 2012 öffentlich zugänglich ist. Unter freiem Himmel türmen sich Eingangsschilder, Werbetafeln und Glühbirnen, die irgendwann einmal in der Wüstenstadt leuchteten - manche sind 50 Jahre alt.
SZ: Las Vegas ist eine Kulturwüste. Weit und breit gibt es keine Buchhandlung, aber Casinos lauern an jeder Ecke. Wie kann Ihr Museum da mithalten?
Danielle Kelly: Darüber denke ich auch oft nach. Es gibt auf jeden Fall eine sehr starke Beziehung zwischen der Populärkultur und Las Vegas. So wie sich die Stadt in den 1950er-Jahren sprunghaft entwickelt hat, nahm auch die Bedeutung der modernen Massenmedien zu. Radio und Fernsehen haben einen großen Anteil daran, dass sich der Mythos der Spielerstadt rasant verbreitet hat. Dabei dürfen wir aber auch nicht vergessen, dass Las Vegas eine Geschichte außerhalb von Casinochips und Kinofilmen wie 'Ocean"s Eleven' hat.
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Casinos gibt es in Las Vegas reichlich
Der Mythos hat aber extrem gelitten. Das Geld zum Spielen sitzt nicht mehr locker, in der Stadt leben 100000 Obdachlose. Da wagen Sie eine Neueröffnung?
Es stimmt natürlich, dass gerade die Hotelbranche sehr zu kämpfen hat. Die versuchen mit Kampfpreisen, ihre Zimmer zu füllen. Für uns aber war die Wirtschaftskrise gut. In Boom-Zeiten hätten die Leute mit ihren alten Neonschildern wahrscheinlich noch Geld machen können. Aber seit der Markt dafür eingebrochen ist, bekommen wir sie vermehrt gespendet. Und selbst im Hinblick auf die Besucherzahlen haben wir von der Krise profitiert.
Wie das?
Wenn der Glamour nicht mehr im Mittelpunkt steht - und der bröckelt ja tatsächlich in den vergangenen Jahren -, dann werden die Leute plötzlich wieder nostalgisch. Niemand will mehr das Geld zum Fenster rauswerfen, sondern etwas Sinnvolles erleben.
Der Casino-Gänger wird plötzlich zum Bildungsbürger?
Ganz so einfach ist es dann doch nicht. In Vegas gehen so viele Leute ein und aus, dass wir praktisch jedes Wochenende ein komplett neues Publikum haben. Die meisten kommen, um einfach nur Spaß zu haben, viele bleiben aber auch, weil sie die andere Seite der Stadt kennenlernen möchten. Krise hin oder her: Die Seele der Stadt wird sich dadurch nicht ändern.
Was verkörpern Ihre gesammelten Neonschilder: den Glamour oder den Verfall?
Ich sehe darin keinen Widerspruch. Für mich ist der Verfall etwas Schönes, gar Magisches, weil er verschiedene Epochen widerspiegelt. Was heute der Eingangsbereich unseres Museums ist, war früher die Lobby des bekannten La-Concha-Motels. Zusammen mit dem riesigen Schriftzug, den wir vor der Zerstörung bewahren konnten, lebt das La Concha nun in anderer Form weiter.
In anderen Museen findet man Gegenstände, die Hunderte Jahre alt sind. Woher kommt in Las Vegas die Sehnsucht nach etwas Altem, das in Wahrheit noch ziemlich jung ist?
Sich neu zu erfinden, gehörte schon immer zu den Grundgedanken der Amerikaner. In Vegas ist der Kontrast zwischen Altem und Neuem besonders stark, weil wir eine sehr junge Stadt sind. Selbst die Neon-Ente aus den 1970er-Jahren wirkt hier wie eine griechische Statue. Las Vegas hat in so kurzer Zeit so viele Phasen mitgemacht, dass einem schwindlig werden kann: Erst war es die Stadt der Sünde, dann eine Mafia-Hochburg und irgendwann sogar mal ein Ort für den Familienurlaub.
Und heute?
Heute ist das Mysteriöse ein bisschen verloren gegangen, was man auch an der Leuchtreklame erkennt. Am Strip, dem Las Vegas Boulevard, an dem sich die meisten großen Hotels und Casinos befinden, dominieren riesige LCD-Wände, vollgestopft mit Texten und bewegten Bildern. Früher waren die Schilder indirekter, mysteriöser, nicht nur ein Mittel zum Zweck. Heute geht es nur noch darum, möglichst viele Informationen zu vermitteln und die Leute nach drinnen zu locken.
Den Zweck hatten die historischen Schilder doch auch.
Klar, aber eben nicht auf eine derart aufdringliche Weise. Neon regt an, macht neugierig - genau darauf gründet sich die Entwicklung der Stadt. Der heutige Strip war früher nichts anderes als ein gewöhnlicher Highway. Dann kam die Legalisierung des Glücksspiels, nach der die blinkende Reklame aus dem Boden spross. In den 1950er-Jahren kamen viele Leute extra nach Vegas, um die Atombombentests in der Wüste Nevadas zu beobachten. Damit ließen sich noch mehr Casinogäste anlocken.
Wen spricht Ihr Museum an?
Das ist schwer zu sagen. Wenn man durch unsere Ausstellung geht, ist das, als lese man ein Buch mit verschiedenen Kapiteln: Geschichte, Architektur, Design, aber auch Popkultur und persönliche Erinnerungen. Wenn die Besucher die alten Casino-Schilder sehen, blicken sie auf ihre eigenen Roulette-Runden zurück. Oder sie denken daran, wie sie sich in Vegas trauen und kurz danach wieder scheiden ließen. Da wird es richtig sentimental, die Leute weinen ständig bei der Tour.
Was tun Sie, um den Verfall Ihrer Kollektion zu verhindern?
Die Stadt allein ist die perfekte Umgebung für die Exponate. Die Luft ist trocken, es regnet wenig und viele Schilder sehen noch heute aus wie frisch gestrichen. Man darf nicht vergessen, dass die Reklame von Anfang an dazu gedacht war, jahrelang draußen zu leuchten. Trotzdem suchen wir nach Wegen, wie man die Schilder langfristig erhalten kann. Da stehen wir aber noch ganz am Anfang.
Sollen am Ende alle wieder blinken?
Überhaupt nicht! Viele Besucher wollen die Schilder genauso sehen, wie sie sind. Das müssen wir respektieren. Einer antiken Statue setzt man doch auch keinen Kopf auf, nur weil er da hingehört.
Und wenn den Besuchern ein bestimmtes Schild so sehr am Herzen liegt, dass sie es restaurieren möchten.
Dann sind wir die Letzten, die etwas dagegen haben. Mit Hilfe von Spendern haben wir die 15 wichtigsten Schilder restaurieren können; das hat 2,5 Millionen Dollar gekostet. Die erstrahlen heute wieder in vollem Glanz und sind durch eine Glasabdeckung vor der Witterung geschützt. Wenn also jemand 100000 Dollar übrig hat, um ein Schild wieder zum Leben zu erwecken - nur zu! Wir sind hier schließlich in Vegas.
Leere Casinos, leere Hotels, leere Portemonnaies: Kaum eine amerikanische Stadt hat unter der Konjunkturflaute so gelitten wie das Spielerparadies Las Vegas. Und doch sahen Kulturschaffende in der Krise ihre Chance. Sie sammelten vier Millionen US-Dollar, um eine Ausstellung für Leuchtreklame aufzubauen: das Neon-Museum, geleitet von Danielle Kelly, das seit Oktober 2012 öffentlich zugänglich ist. Unter freiem Himmel türmen sich Eingangsschilder, Werbetafeln und Glühbirnen, die irgendwann einmal in der Wüstenstadt leuchteten - manche sind 50 Jahre alt.
SZ: Las Vegas ist eine Kulturwüste. Weit und breit gibt es keine Buchhandlung, aber Casinos lauern an jeder Ecke. Wie kann Ihr Museum da mithalten?
Danielle Kelly: Darüber denke ich auch oft nach. Es gibt auf jeden Fall eine sehr starke Beziehung zwischen der Populärkultur und Las Vegas. So wie sich die Stadt in den 1950er-Jahren sprunghaft entwickelt hat, nahm auch die Bedeutung der modernen Massenmedien zu. Radio und Fernsehen haben einen großen Anteil daran, dass sich der Mythos der Spielerstadt rasant verbreitet hat. Dabei dürfen wir aber auch nicht vergessen, dass Las Vegas eine Geschichte außerhalb von Casinochips und Kinofilmen wie 'Ocean"s Eleven' hat.

Casinos gibt es in Las Vegas reichlich
Der Mythos hat aber extrem gelitten. Das Geld zum Spielen sitzt nicht mehr locker, in der Stadt leben 100000 Obdachlose. Da wagen Sie eine Neueröffnung?
Es stimmt natürlich, dass gerade die Hotelbranche sehr zu kämpfen hat. Die versuchen mit Kampfpreisen, ihre Zimmer zu füllen. Für uns aber war die Wirtschaftskrise gut. In Boom-Zeiten hätten die Leute mit ihren alten Neonschildern wahrscheinlich noch Geld machen können. Aber seit der Markt dafür eingebrochen ist, bekommen wir sie vermehrt gespendet. Und selbst im Hinblick auf die Besucherzahlen haben wir von der Krise profitiert.
Wie das?
Wenn der Glamour nicht mehr im Mittelpunkt steht - und der bröckelt ja tatsächlich in den vergangenen Jahren -, dann werden die Leute plötzlich wieder nostalgisch. Niemand will mehr das Geld zum Fenster rauswerfen, sondern etwas Sinnvolles erleben.
Der Casino-Gänger wird plötzlich zum Bildungsbürger?
Ganz so einfach ist es dann doch nicht. In Vegas gehen so viele Leute ein und aus, dass wir praktisch jedes Wochenende ein komplett neues Publikum haben. Die meisten kommen, um einfach nur Spaß zu haben, viele bleiben aber auch, weil sie die andere Seite der Stadt kennenlernen möchten. Krise hin oder her: Die Seele der Stadt wird sich dadurch nicht ändern.
Was verkörpern Ihre gesammelten Neonschilder: den Glamour oder den Verfall?
Ich sehe darin keinen Widerspruch. Für mich ist der Verfall etwas Schönes, gar Magisches, weil er verschiedene Epochen widerspiegelt. Was heute der Eingangsbereich unseres Museums ist, war früher die Lobby des bekannten La-Concha-Motels. Zusammen mit dem riesigen Schriftzug, den wir vor der Zerstörung bewahren konnten, lebt das La Concha nun in anderer Form weiter.
In anderen Museen findet man Gegenstände, die Hunderte Jahre alt sind. Woher kommt in Las Vegas die Sehnsucht nach etwas Altem, das in Wahrheit noch ziemlich jung ist?
Sich neu zu erfinden, gehörte schon immer zu den Grundgedanken der Amerikaner. In Vegas ist der Kontrast zwischen Altem und Neuem besonders stark, weil wir eine sehr junge Stadt sind. Selbst die Neon-Ente aus den 1970er-Jahren wirkt hier wie eine griechische Statue. Las Vegas hat in so kurzer Zeit so viele Phasen mitgemacht, dass einem schwindlig werden kann: Erst war es die Stadt der Sünde, dann eine Mafia-Hochburg und irgendwann sogar mal ein Ort für den Familienurlaub.
Und heute?
Heute ist das Mysteriöse ein bisschen verloren gegangen, was man auch an der Leuchtreklame erkennt. Am Strip, dem Las Vegas Boulevard, an dem sich die meisten großen Hotels und Casinos befinden, dominieren riesige LCD-Wände, vollgestopft mit Texten und bewegten Bildern. Früher waren die Schilder indirekter, mysteriöser, nicht nur ein Mittel zum Zweck. Heute geht es nur noch darum, möglichst viele Informationen zu vermitteln und die Leute nach drinnen zu locken.
Den Zweck hatten die historischen Schilder doch auch.
Klar, aber eben nicht auf eine derart aufdringliche Weise. Neon regt an, macht neugierig - genau darauf gründet sich die Entwicklung der Stadt. Der heutige Strip war früher nichts anderes als ein gewöhnlicher Highway. Dann kam die Legalisierung des Glücksspiels, nach der die blinkende Reklame aus dem Boden spross. In den 1950er-Jahren kamen viele Leute extra nach Vegas, um die Atombombentests in der Wüste Nevadas zu beobachten. Damit ließen sich noch mehr Casinogäste anlocken.
Wen spricht Ihr Museum an?
Das ist schwer zu sagen. Wenn man durch unsere Ausstellung geht, ist das, als lese man ein Buch mit verschiedenen Kapiteln: Geschichte, Architektur, Design, aber auch Popkultur und persönliche Erinnerungen. Wenn die Besucher die alten Casino-Schilder sehen, blicken sie auf ihre eigenen Roulette-Runden zurück. Oder sie denken daran, wie sie sich in Vegas trauen und kurz danach wieder scheiden ließen. Da wird es richtig sentimental, die Leute weinen ständig bei der Tour.
Was tun Sie, um den Verfall Ihrer Kollektion zu verhindern?
Die Stadt allein ist die perfekte Umgebung für die Exponate. Die Luft ist trocken, es regnet wenig und viele Schilder sehen noch heute aus wie frisch gestrichen. Man darf nicht vergessen, dass die Reklame von Anfang an dazu gedacht war, jahrelang draußen zu leuchten. Trotzdem suchen wir nach Wegen, wie man die Schilder langfristig erhalten kann. Da stehen wir aber noch ganz am Anfang.
Sollen am Ende alle wieder blinken?
Überhaupt nicht! Viele Besucher wollen die Schilder genauso sehen, wie sie sind. Das müssen wir respektieren. Einer antiken Statue setzt man doch auch keinen Kopf auf, nur weil er da hingehört.
Und wenn den Besuchern ein bestimmtes Schild so sehr am Herzen liegt, dass sie es restaurieren möchten.
Dann sind wir die Letzten, die etwas dagegen haben. Mit Hilfe von Spendern haben wir die 15 wichtigsten Schilder restaurieren können; das hat 2,5 Millionen Dollar gekostet. Die erstrahlen heute wieder in vollem Glanz und sind durch eine Glasabdeckung vor der Witterung geschützt. Wenn also jemand 100000 Dollar übrig hat, um ein Schild wieder zum Leben zu erwecken - nur zu! Wir sind hier schließlich in Vegas.